Kommunikation

Reale Lehren aus der virtuellen Lehre

Es ist eine bedauerliche Erkenntnis, dass die deutsche Wirtschaft inzwischen auf ein Jahr Erfahrung mit coronabedingter virtueller Zusammenarbeit, Lehre und Training zurückblicken kann und möglicherweise auch noch vorausblicken muss. Die Erfahrungen mit der Virtualisierung der Arbeits- und Lernwelt sind aber höchst unterschiedlich. Auf der einen Seite steht die Hoffnung, durch Virtualisierung Infektionsrisiken verhindern, Reiseaufwand reduzieren und nebenbei die Umwelt schützen zu können. Auf der anderen Seite stehen die psychische Belastung durch langandauernde Bildschirmarbeit, der fehlende menschliche Kontakt mit „Flurfunk“ und den kleinen Absprachen über Bürogrenzen hinweg.

Viele Unternehmen waren schnell dabei, Meetings über Software wie Teams oder Zoom abzuwickeln und konnten so ihre (Zusammen-)Arbeitsfähigkeit aufrechterhalten. Im Lehrbetrieb lief es langsamer, ohne zu einem vernünftigen Ergebnis gekommen zu sein, Digitalisierung und Schule passen in Deutschland nicht zusammen. Virtuelle Ministerpräsidentenkonferenzen lassen auch nicht erkenne, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Der Seminarbetrieb hat sich in einen aktiven Wartestand begeben, Virtualität als Zwischenlösung, um dann wieder in den alten Modus zurückzukehren.

Während es anfangs überall eine gewisse Sehnsucht gab, endlich die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, gibt es inzwischen eine gewisse Sehnsucht, diese auch wieder zurückzufahren, zumindest bei allem was irgendwie zwischenmenschliche Bezüge hat. Was ist in einem Jahr passiert?

Einige Auswirkungen des ersten Corona-Jahres auf die Wirtschaft

  • Noch mehr Bankkunden haben sich daran gewöhnt, ihre Geschäfte online zu erledigen. Von weiteren Filialschließungen wird ausgegangen.
  • Noch mehr Konsumenten haben sich an den Online-Handel gewöhnt. Im Allgemeinen wird ein weiteres Absterben der Innenstädte vermutet.
  • Auf Auslandsurlaube musste weitgehend verzichtet werden. Befürchtet wird, dass Flugkapazitäten auch langfristig reduziert werden müssen, die Investitionen der Deutschen Bahn in den Ausbau möglicherweise verloren sind. Allerdings gab es in den Osterferien einen sehr spontanen Run auf neu angebotene Mallorca-Flüge.
  • Die Ministerpräsidentenkonferenz zur Abstimmung der bundesweiten Maßnahmen gegen Covid läuft weitestgehend virtuell ab (Stand März 2021). Nach den negativen technischen und organisatorischen Erfahrungen vor allem im März wurden Stimmen laut, sich beim nächsten Mal wieder persönlich zu treffen.
  • Virtuelle Fortbildung, gleich auf welchem Niveau, wird mal begrüßt, mal hingenommen, mal abgelehnt. Es gibt sowohl Fans als auch Verweigerer und irgendwie halten sich die Pro- und Contra-Argumente auch die Waage.

Vor- und Nachteile virtueller Seminare

ProContra
deutliche Kostenersparnis (für Anbieter wie Nachfrager) durch Wegfall von Reise-, Übernachtungs-, RaumkostenAufmerksamkeit lässt am Bildschirm schneller nach, Ablenkung durch anderweitige Nutzung des Bildschirms
Unabhängigkeit vom Seminarort – im Prinzip können sowohl Referenten als auch Teilnehmer während des Seminars im Urlaub seinLernatmosphäre kann beeinträchtigt werden durch zwischenzeitliche Abwesenheit von Teilnehmern, ausgeschaltete Kameras und Mikrofone
einfacher Austausch von Materialien, Bilddokumentationen, Videosnur eingeschränkte Kontrolle für den Referenten, ob Inhalte verstanden wurde, persönliches Interesse besteht (fehlender Blickkontakt, Körpersprache)
je nach verwendeter Software unterschiedliche technische Hilfsmittel vorhanden (Gruppenarbeitsräume, Whiteboard, Abstimmungsinstrumente usw.)Gefahr, sich zu sehr auf Präsentationen zu konzentrieren und Interaktion zu vernachlässigen – Übermüdung der Teilnehmer
flexibler Einsatz möglich (keine Raumbuchung, Anreise, Technikbeschaffung)persönliche Kontakte (informeller Austausch in den Pausen, gemeinsames Treffen an der Hotelbar) unterliegen einer hohen Hemmschwelle
Aktivierung zurückhaltender Teilnehmer möglich bei Gruppenbildung durch Referenten bzw. ZufallAbhängigkeit von technischer Infrastruktur (Internetverbindung, Bildschirmgröße, Seminarsoftware)
Virtuelle-Seminare-Bilanz

Besonders deutlich wird die Zweischneidigkeit der Virtualisierung von Seminaren am Ortsargument. Während die einen argumentieren, es sei vorteilhaft, nicht weit fahren zu müssen und sich dafür Zeit und Kosten zu sparen, führen andere ins Feld, dass auch eine weitere Anreise sich lohne, um für ein paar Tage ein anderes Umfeld zu haben. Nicht zuletzt lasse sich ein Seminaraufenthalt auch mit ein paar Tagen Städteurlaub kombinieren.

Was sich in Online-Veranstaltungen ändern sollte

Die Bilanz mag andeuten, dass weder Präsenz- noch Online-Seminare aussterben werden. Es wird aber weiter ein Thema sein, Online-Seminare so zu gestalten, dass sie unter den gegebenen Bedingungen optimal wirken können. Dazu seien hier einige Aspekte angeführt:

  1. Das klassische Modell, Seminare über den ganzen Tag laufen zu lassen, am ersten Tag mitunter noch bis in den Abend hinein, ist kaum noch durchführbar. Offline lässt sich noch sicherstellen, dass es eine optimale Verpflegung gibt, Räume gut belüftet sind und es möglichst keine Störfaktoren gibt. Online muss sich jeder Teilnehmer selbst darum kümmern und hat nicht unbedingt das passende Umfeld dafür. Nicht selten spielt die Kinderbetreuung eine Rolle, da ist ein Ende um 17 Uhr meist schon zu spät.

  2. Die Seminarzeit von 9 bis 17/18 Uhr ist in der Regel zu lang. Zwei halbe Tage können effektiver sein als ein ganzer (und auch organisatorisch besser zu realisieren); die Aufmerksamkeit lässt meist ab spätestens 15 Uhr deutlich nach. Die typische Mittagsschwere nach einem meist umfangreichen Hotelessen lässt sich virtuell allerdings durch kürzere Pausen mildern, in denen nur Zeit für ein Sandwich oder einen Salat besteht. Man muss ja nicht gleich sagen, warum die Pausen so kurz sind…

  3. Der geteilte Bildschirm ist eine Verlockung, alles über ihn zu kommunizieren. Was schon im realen Seminar schnell zur Zumutung wird, wirkt online noch schneller, leider in negativer Richtung. Wie lange können Sie sich auf einen Bildschirm konzentrieren, der direkt vor Ihnen auf dem Schreibtisch steht? Genau. Und wie soll das einen ganzen Tag lang klappen? Hier tut Abwechslung not, ein regelmäßiger Wechsel zwischen Präsentation und Kameraeinsatz, zwischen den einzelnen Teilnehmern und dem Moderator. Im Wechsel verschiedene Gesichter zu sehen und Stimmen zu hören, hilft ungemein. Manche Teilnehmer müssen motiviert werden mitzumachen. Auch wenn es anfangs Überwindung kostet, jemanden anzusprechen, der seine Kamera ausgeschaltet hat – es lohnt sich fast immer.

  4. Online-Seminare erfordern einiges an Disziplin. Pausen, die laufen, bis man fertig ist mit Essen oder Unterhaltung, gibt es nicht mehr. Auch bei Gruppenarbeiten in einem Gruppenraum ist eine klare Zeitbegrenzung erforderlich. Die anderen warten auf die Beiträge und niemand möchte teilnahmslos vor dem Bildschirm sitzen und im Zweifel nicht wissen, ob es noch weitergeht oder eine Verbindung unterbrochen ist. Für alle ist es einfach, wenn es klare Uhrzeitvorgaben gibt, sowohl was den Anfang als auch was das Ende angeht.